Auf der Suche nach österreichischen Comic-Strips

Österreichische Comics, austro-comixx, gibt’s die? Eine heute vielleicht eher rhetorische Frage als zu Zeiten, da, dem US-Mainstream folgend, die Gehirnwäsche der fünfziger und sechziger Jahre noch aktuell war: den Kindern sollten Heftln, Zeichenheftln, Donaldheftln als Schund ausgetrieben werden. Die Gehirnwäsche war nicht erfolgreich. Das Forum Stadtpark etwa konnte bei einem der vielen Versuche, die Folgen dieser Gehirnwäsche aufzuheben, bereits auf eine Reihe österreichischer Comic-Seiten im Internet hinweisen (das verlinkte Dokument ist leider nicht datiert; wie wichtig übrigens das Internet mittlerweile für Cartoons und Comix allgemein geworden ist, belegt bereits unsere sehr bescheidene raketa-Linksammlung). Vor dem Internet waren Druck & Papier, also Magazine, und seien sie auch nur in paar Jahrgängen oder Nummern erschienen. Von Interesse war Spurensuche. So widmete STRESS – Magazin für Comic-Kunst (Nr 5 Dezember 1979, Hrsg: Hans-Jörg Konecny) den Comics aus Österreich eine Dokumentation mit einer großen Auswahl zu Tobias Seicherl. Die gleiche Auswahl von insgesamt 72 Seicherl-Strips gab es ein paar Jahre später in Tramway - Österreichische Comics (Nr 5, 1982; Hrsg: Wolfgang Alber). Leider sind die einzelnen Strips nicht datiert; dennoch nehmen wir diese Auswahl zum Anlass, einige Strips hier in unregelmäßiger Folge für Sie zu dokumentieren.

Tobias Seicherl wieder entdeckt

Die Wiederentdecker von Tobias Seicherl in der österreichischen Comic-Szene konnten sich auf die internationale Comic-Literatur berufen, wie etwa auf Wolfgang J. Fuchs (vgl Wolfgang J. Fuchs / Reinhold Reitberger: Comics. Anatomie eines Massenmediums. Gräfelfing 1971; Comics Handbuch. Reinbek 1978; Fuchs, Wolfgang J.: Batman, Beatles, Barbarella. Der Kosmos in der Sprechblase. Ebersberg 1985). Fuchs/Reitberger hatten formale Eigenheiten der Seicherl-Strips hervorgehoben: Bilder in der Sprechblase, die sprachliche Metaphern illustrieren, oder dem Sprechblasen-Text sonstwie zur Seite stehen. In der von Maurice Horn herausgegebenen World Encyclopedia of Comics (Avon Books 1977) gibt es keinen eigenen Eintrag zu Seicherl oder Kmoch; diese finden jedoch im Eintrag zu Stups von Max A. Otto Erwähnung (1928/29):

STUPS, Germany. Stups, a creation of German comic artist Max A. Otto, was published in the newspaper Grüne Post from 1928 to 1929. The stories, trying to be on the safe side, used both verse below the pictures and speech balloons, speed lines and other usual comic strip conventions. [...] Neighboring Austria had seen an even longer running strip, Tobias Seicherl, drawn and written in Austrian dialect by Ludwig Kmoch and published in Das kleine Blatt. Originally opposed to fascism, the strip displayed nationalistic tendencies by the end of the 1930’s. Nevertheless the strip disappeared just as all of the children’s magazines (a number of them produced in Austria and distributed in Germany’s department stores) disappeared by 1940. Most of these magazines were giveaways either for certain chains of department stores or for products like margarine. While filled with lots of text features, there were also a number of genuine comic strips in magazines like Rama Post, Papagei, Kiebitz or Teddy Bär. Some of them even featured reprints of foreign strips like Prinz Waldemar (“Prince Valiant”) as late als 1939. Stups may serve as a reminder that it will take a great deal of research to find the missing links of comics history in Germany. W.F. [Das ist Wolfgang Fuchs, Anmerkung pro archiv]

“Eine politische Figur”

Bei der österreichischen Wiederentdeckung von Kmoch als Zeichner und der Seicherl-Strips kam es zu gewissen Unschärfen.

Dieses Heft enthält in der Hauptsache eine Auswahl der Erlebnisse des Tobias Schicherl, die seit 1930 als täglicher 4 Bilder-Strip im sozialdemokratischen “Kleinen Blatt” erschienen. Ludwig Kmoch war der Zeichner und Schreiber dieses Dialektstrips, den man ruhig als Österreichs bemerkenswertesten Beitrag zur internationalen Comic-Geschichte ansehen kann. Wie auch ganz zurecht der deutsche Comic-Papst Fuchs feststellt. Ob sich dagegen der Hrdlicka oder sonstwer von den modernen Künstlern durch die prägnante Strichelei beeinflußt glauben, wie man in manchen Abhandlungen lesen kann, ist wahrscheinlich Ansichtssache.

Wichtig ist, daß der Kmoch mit dem Seicherl die Comic-Galerie um einen Archetypus bereichert hat. Um eine Figur, die sich einmal nicht auf Lianen durch einen romantischen Urwald schwingt, sondern sich auf einem Sessel hutscht und sich den Schädel anhaut. Die nicht unter einem blauen Trikot Supermuskeln vibrieren läßt, sondern in einen roten Gemeindebau stänkern geht und verdroschen wird.

Eine politische Figur. In diesem Fall eben kleinbürgerlich, christlich-sozial, ein Kryptonazi. Politisch auch in der Banalität, wie er agiert und was i[h]m passiert. Auch die trivialen Mißgeschicke sind so gesehen verpolitisiert – für die Genossen, die das “Kleine Blatt” lesen, ist der miese bürgerliche Klassenfeind, den es laufend auf die Goschn haut, klarerweise ein Spektakel. Und überzeugender wahrscheinlich als die täglichen Leitartikel auf der Seite Eins der Parteizeitung. Aber wie gesagt, Propaganda, für was auch immer, ist legitim. Noch dazu, wenn sie so gut gemacht ist. Übrigens, Propaganda – nach der Heimholung Österreichs im Jahr 1938 wurde der Seicherl so wie sein Schöpfer zur tragikomischen Figur. Da war nichts mehr satirisch, da war alles reine Gesinnungsidylle. Da war dann auch die Allegorie des gesunden Menschenverstandes, der Struppi, zum bloßen Köter degeneriert.

1. Der Wiener Donald Duck der Zwischenkriegszeit

Warum wollen wir den SEICHERL bringen? Weil der Breitenerfolg, den er gehabt hab, von der österreichischen Comic-Szene aus irgendeinem Grund aus dem Gedächtnis verdrängt worden ist. Weil die Herausgeber, die Importeure und die in den Tageszeitungen für die Strips Verantwortlichen anscheinend glauben, daß Sie auf die amerikanischen Syndikate angewiesen sind. Undo so erfreuen sie uns seit 1945 immer wieder mit dem Tarzan, dem Phantom, dem Prinz Eisenherz – der ‘Kurier’ hat das offenbar für eine Großtat gehalten, den im Jahre 1979 wieder gegen die Hunnen kämpfen zu lassen – und den ganzen idiotischen Retortengeschöpfen aus der Marvel-Produktion, Lichtjahre von jeder Realität entfernt. Aber Hauptsache ist ja, die Sachen sind so kulinarisch wie nur irgend möglich. Daß der Durchschnittsbürger tagtäglich von sienem Job, seiner Umgebung, seiner Familie und der Polizei frustriert wird, schlägt sich in den Comic-Figuren nicht nieder. Auch nicht im Barksschen Donald Duck, selbst wenn das ein paar lustige Intellektuelle behaupten. Also bringen wir den österreichischen Antihelden, den kleinbürgerlichen Schrebergartenfaschisten und sein tägliches selbstverschuldetes Kopfanstoßen an die Realität für alle Comic-Leser, denen das Denken noch nicht weh tut.

Herbert Sandstein

Editorial von: STRESS – Magazin für Comic-Kunst, Nr 5 Dezember 1979

… denn bereits ab 1930 erschien in der sozialistischen Tageszeitung “Das Kleine Blatt” die Strip-Serie Tobias Seicherl von Ladislaus Kmoch – ein in vieler Hinsicht erstaunliches Comic-Fossil der Frühzeit des Mediums. Es handelt sich dabei nämlich um einen täglichen Comic-Strip (vermutlich der erste Kontinetaleuropas), komplett mit Sprechblasen, Geschwindigkeitslinien und Soundworten, wie er in dieser Form auch in den USA erst seit kurz davor existierte. Darüberhinaus war der Strip im Wiener Dialekt(!) geschrieben und inhaltlich politisch, ja antifaschistisch!

Diese Kombination macht Tobias Seicherl bis heute zum international vielbestaunten Comic-Objekt. Und der Strip lief auch sehr lange – bis das 12 Jahre währende “Tausendjährige Reich” Comics zusammen mit Jazz und moderner Kunst als “undeutsch” in die Versenkung schickte.

http://www.comic.at/austro1.htm

Seicherl: rabiater Kleinbürger und Antisemit

Genauere und vor allem kritische Hinweise zu Tobias Seicherl und seinem Autor Ladislaus Kmoch finden wir in der Analyse von Konstantin Kaiser zu historischen Figuren aus Satire und Kabarett: Die Karrieren des Kleinen Mannes. Hirnschal, Seicherl, Schwejk und Bockerer im Zweiten Weltkrieg ; in der Literaturliste findet sich auch ein Buch über Seicherl von Bernhard Denscher. (Humor vor dem Untergang. Tobias Seicherl – Comics zur Zeitgeschichte 1930 bis 1933. Wien 1983.)

Das Kleine Blatt bestand seit März 1927, wurde im Ständestaat ab 28.02.1934 gleichgeschaltet und ging ab September 1944 in der “Kleinen Wiener Kriegszeitung” auf (siehe auch hier). Seicherl und Kmoch gingen inhaltlich jeweils mit.

Und hier geht es zu den ersten drei Strips: Seicherl spart mit dem Licht; will sparen; erwartet ein großes Glück
2. In den folgenden Strips wird Seicherl als Nazi-Sympathisant gezeigt und – noch – lächerlich gemacht: Seicherl bekommt einen Untermieter; als hakenkreuzlerischer Agitator; wird für einen Spitzel gehalten; geht in ein Gemeindehaus stänkern; feiert Hitlers Ernennung zum Reichskanzler

Entschuldigen Sie bitte alle graphischen Unzukömmlichkeiten.

pro archiv

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4 Kommentare

 

  1. 27. 7. 2012  11:45 von poldi f. Antworten

    schriftgröße war dem schnellhefter wurscht:

    http://en.wikipedia.org/wiki/Tobias_Seicherl

    har, har.

  2. 16. 1. 2004  04:38 von anonyma les@ Antworten

    na serwas hier geht es mit den schriftgrößen ja ziemlich durcheinander

    • 24. 10. 2009  17:26 von Seicherlleser Antworten

      Nix neues

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