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Kirche im Blick
16.04 2006
Sonntag, 12:53
Henriette Mayr
 

Kirche im Blick


Wien, 16. April 2006



"Kirche" bedeutet in Österreich: "Katholische Kirche"


Gerade, es ist Ostersonntag Mittag, haben die Osterglocken ausgeläutet. Auch die Medien lassen mich Ostern nicht vergessen: Ein Osterhase auf Rosa leuchtet aus den Plastiksackeln, in denen die Kronen-Zeitung aushängt, beim Kolporteur das apokryphe Judas-Evangelium vom profil-Titel, Kardinal Schönborn vom KURIER.

Dann die ein bisschen verschobenen Meldungen. In der "Presse" liest Adolf Holl Dan Diner; Caritas-Direktor Helmut Schüller und Pfarrer Udo Fischer sind an der Basis von drängender Sorge erfüllt. Und mit den rechtlichen Schritten gegen den MTV-Cartoon "Popetown" hat die katholische Kirche ihren eigenen Karikaturenstreit gefunden.



Deutschland: Späte Diskussion über "Heimkinder"


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In Deutschland hat eine Diskussion über Repression und Ausbeutung in kirchlichen Erziehungsheimen begonnen. Es geht um die Zeit von den Nachkriegs- bis zu den beginnenden siebziger Jahren. Peter Wensierski, der zu diesem Thema ein Buch und einen ausführlichen Artikel in der ZEIT schrieb, sieht die größte Verantwortung bei der katholischen Kirche, da etwas mehr als die Hälfte aller Heime in den frühen Jahren der Bundesrepublik "allein in katholischer Hand" war. Wensierski:

"In den sechziger Jahren drillten staatliche, katholische und evangelische Erzieher Kinder und Jugendliche in rund 3000 Heimen mit mehr als 200.000 Plätzen. Gut die Hälfte der Kinder war zwei bis vier Jahre lang in solchen Heimen. Andere verbrachten ihre ganze Kindheit und Jugend in den oft hermetisch abgeschlossenen Häusern.


Rund 80 Prozent der Heime waren in konfessioneller Hand. Insbesondere die katholischen Frauen- und Männerorden führten jahrzehntelang zahlreiche Erziehungsanstalten. Sie hießen »Zum Guten Hirten« oder waren nach Heiligen und Ordensgründern benannt: Don-Bosco-Heim, St. Vincenzheim, St. Hedwig oder Marienheim.


Heute leben aus dieser Zeit noch mindestens eine halbe, wahrscheinlich aber sogar mehr als eine Million Menschen unter uns, die zwischen 1945 und 1975 in den westdeutschen Heimen groß wurden. Sie sind jetzt zwischen 40 und 65 Jahre alt. Doch seltsam: In einer aufgeklärten Gesellschaft, die scheinbar keine Tabus mehr kennt, ist es für viele von ihnen bis heute nicht möglich, darüber zu sprechen. Selbst nahen Angehörigen offenbaren sie sich mitunter nicht – aus Scham. Sie fürchten sich vor dem diskriminierenden Etikett »Heimkind«, als hätten sie im Zuchthaus gesessen."


Reformen in deutschen Erziehungsanstalten kamen erst zu Beginn der siebziger Jahre in Gang. Auslöser war die - an vorderster Stelle mit den Namen Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin verbundene - Heimkampagne der APO, darunter die Befreiungen von Heimkindern im Sommer 1969 und die Besetzung des Büros des Frankfurter Jugendamtsleiters. Die ihm abgerungenen vier Wohnkollektive wurden zum Vorbild der heute üblichen "betreuten Jugendwohngemeinschaften".



Zunächst: kirchliche Gesprächsverweigerung


Während in den USA, Kanada und Irland ehemalige Opfer ein "Recht auf Entschuldigung und Wiedergutmachung" erkämpft hätten, steht die deutsche Auseinandersetzung noch am Anfang. Wensierski:

"Sollten auch die deutschen Heimkinder solche Ansprüche anmelden, müssen sie sich wohl auf einen schweren Kampf gegen die Institution Kirche einrichten. Bei der Deutschen Bischofskonferenz, den Ordensgemeinschaften, bei Caritas und Diakonie weiß man fast nichts darüber, was jahrzehntelang in den konfessionellen Heimen geschehen ist. Man wollte es wohl nicht wissen. Beschwerden wurden meist abgeblockt.

Kein Orden, der Kinderheime unterhielt, hat je eine kritische Untersuchung der dort praktizierten Erziehung veröffentlicht. Die Jubiläumsbroschüren der konfessionellen Heime zum 75- oder 100-jährigen Bestehen überspringen in der Regel diese Zeit. Dabei exekutierten viele Heimleiter und Erzieher nach 1945 zunächst wenig verändert und unreflektiert eine um die Jahrhundertwende ausgeklügelte und vom NS-Regime fortentwickelte Straf- und Besserungspädagogik. Mehr als zwei Jahrzehnte lang interessierte kaum jemanden, was hinter den dicken Mauern geschah."

Die von Wensierski dokumentierten Fälle zeigen eine Praxis letztlich strafrechtsrelevanter Repression: ständiges Prügeln, wochenlanges Wegsperren in bisweilen fensterlosen "Besinnungsräumen" mit Pritschen ohne Matratzen, Unterbinden des Kontakts zur Außenwelt. Die dokumentierten Anlässe von Heimeinweisungen im Deutschland der Wiederaufbaujahre erscheinen heute nichtig: "Arbeitsbummelei", Elvis Presley laut im Radio hören, tanzen gehen und über Nacht wegbleiben. In der jungen Bundesrepublik regierte von 1949 bis 1967 die CDU.


Über Heimeinweisungen entschieden Einzelrichter


Sie entschieden über in der Regel zwei- bis vierjährige Wegsperrungen 14- bis 21-Jähriger zumeist nach der Aktenlage der Jugendämter, ohne die Betroffenen gesehen zu haben. Die Feinde der Jugendfürsorge hießen "Sexualität" und "Verwahrlosung". Sehr oft wurden Kinder von AlleinerzieherInnen eingewiesen, wobei in den kirchlichen Heimen eine uneheliche Geburt als besonderer Makel galt.


»Wir waren jugendliche Zwangsarbeiter«


Konfessionelle Erziehungsheime haben Tradition darin, Sexualität, "Verwahrlosung" und den "Makel" unehelicher Geburt mit Arbeit zu bekämpfen. In ganz Deutschland wurden Heimkinder als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Zehnstundentage und 48-Stundenwochen scheinen in den Erziehungsheimen der beiden großen christlichen Kirchen nicht selten gewesen zu sein. Die Kinder und Jugendlichen arbeiteten in der Regel unentlohnt oder gegen ein minimales Taschengeld; sie waren jedenfalls in der Regel nicht sozialversichert. Eine Spätfolge bei mehrjährigem Heimaufenthalt: mehrjährige Lücken im Versicherungsverlauf.

Die Diakonie Freistatt bei Diepholz etwa war von Beginn an als reiner Wirtschaftsbetrieb mit billigen (männlichen) Arbeitskräften konzipiert; die 14- bis 21-Jährigen arbeiteten in Schlossereien, Schmieden, und winters wie sommers im Moor, um Torf zu stechen und zu pressen (Bild).


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Mädchen und junge Frauen wurden typischerweise zum Waschen, Nähen und Bügeln eingesetzt (Bild ganz oben). Wensierski:

"Aufstehen mussten die Jugendlichen morgens um sechs. Strammstehen zum Morgengebet. Dann waschen, ein hastiges Frühstück, Einteilung zur Arbeit. Mittags gab es nach fünf Stunden die erste Pause. Am Nachmittag noch eine kurze Kaffeepause, es gab »Muckefuck«. Bis zu zehn Stunden schuftete die damals 15-Jährige unbezahlt im immer gleichen Takt. Am Samstag mussten sie und die anderen bis mittags arbeiten. Selbst sonntags wurden noch »in der Freizeit« Taschentücher zum Verkauf in der Nähstube umhäkelt.


Bei der Arbeit herrschte Sprechverbot, nur Marienlieder waren erlaubt. »Mein Platz war an der großen Heißmangel. Das stundenlange Stehen in großer Hitze – selbst im Sommer ohne zusätzliche Getränke –, das ständige Falten riesiger Bettwäsche ließ sämtliche Glieder schmerzen. Die Kolonne trottete abends schweigend durch die Gänge zurück wie geprügelte Hunde.« [...] Die hauseigene Großwäscherei war für die Vincentinerinnen offenbar ein lukratives Geschäft. Die Arbeit bringe, so schrieb 1962 der Dortmunder Kirchliche Anzeiger ganz offen, »um die Steuerzahler etwas zu beruhigen«, einen »nicht unerheblichen Teil« der Kosten ein. Hotels, Firmen, Krankenhäuser und viele Privathaushalte zahlten gut – und fragten nicht, wer da fürs Reinwaschen missbraucht wurde. »Die Kunden bekamen uns nie zu sehen, es gab extra einen Abholraum, zu dem war uns der Zutritt streng verboten«, erzählt Gisela. Lohn gab es so wenig wie Taschengeld – mithin auch keinen Rentenanspruch für die Heimjahre. »Wir waren jugendliche Zwangsarbeiter«, sagen ehemalige Heimkinder heute verbittert."


Beginnende Problemeinsicht der christlichen Kirchen?


Wie DER SPIEGEL in einer aktuellen Notiz im Deutschland-Panorama berichtet, sind nunmehr sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche durch den hessischen Landeswohlfahrtsverband "unter Erklärungsdruck" gekommen.

Der Landeswohlfahrtsverband Hessen entschuldigte sich bei ehemaligen Heimkindern. Der einstimmige Beschluss der Verbandsversammlung vom 5. April 2006 im Wortlaut:

"Der Landeswohlfahrtsverband Hessen erkennt an, dass bis in die 70er Jahre auch in seinen Kinder- und Jugendheimen eine Erziehungspraxis stattgefunden hat, die aber aus heutiger Sicht erschütternd ist. Der LWV bedauert, dass vornehmlich in den 50er und 60er Jahren Kinder und Jugendliche in seinen Heimen alltäglicher physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt waren.


Der Landeswohlfahrtsverband spricht sein tiefstes Bedauern über die damaligen Verhältnisse in seinen Heimen aus und entschuldigt sich bei den ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern die körperliche und psychische Demütigungen und Verletzungen erlitten haben.


Der Landeswohlfahrtsverband Hessen wird sich weiterhin offensiv mit diesem Kapitel seiner Vergangenheit auseinandersetzen und sich den Fragen und Unterstützungsersuchen ehemaliger Bewohnerinnen und Bewohner stellen sowie die in seinen Möglichkeiten liegende Unterstützung leisten."


Wie DER SPIEGEL berichtet, sind in Hessen die Einrichtung einer Forschungs- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder sowie eines Museums zur Geschichte der Heimerziehung geplant; der Bundestag plant mit Unterstützung seines stellvertretenden Vorsitzenden Wolfgang Thierse (SPD) und der Abgeordneten Marlene Rupprecht (SPD) eine Anhörung Betroffener. Nun beginnen die Kirchen zu sprechen: "Wenn dieses Unrecht nicht beim Namen genannt wird, dann wird die Würde der betroffenen Menschen heute genauso verletzt wie damals", so der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber. Er hat das Diakonische Werk aufgefordert, die Archive zu öffnen und die Aufarbeitung voranzutreiben.
Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, befürwortet die "Aufarbeitung der Geschehnisse" und distanziert sich von "falsch verstandener Pädagogik", will die Heime jedoch nicht unter einem Generalverdacht wissen. ("Späte Reue". In: DER SPIEGEL 16/2006 vom 15.4.2006, S. 22).




Henriette Mayr



Peter Wensierski: Das Leid der frühen Jahre, in: DIE ZEIT 09.02.2006 Nr.7.


Der ZEIT-Artikel erschien einige Wochen vor Wesnierskis Buch zum gleichen Thema: Schläge im Namen des Herrn.


Fotos (Ausschnitte): http://www.heimkinder-ueberlebende.org/



  


Raiffeisen ist EU-Präsident (6.1.2006)

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Die_Zweiflerin / 06.05.2006 11:27
Vergangenheit?
Aber, aber wer wird denn hier scheinheilig sein. Wollen wir die Kirche im Dorf lassen und uns folgendes ansehen: Im 21. Jahrhundert gelten diese Methoden ebenfalls noch. Mitten in Österreich ... War selbst 3 Jahre tätig im Kloster als Erzieherin und kann den Berichten und dem Buch nur ein müdes Lächeln abgewinnen... Das war/ist Alltag Und nun: Sinniert weiter über vergangenes und schaut nicht in die Gegenwart
Franz Josef / 20.01.2008 13:17
Re: Vergangenheit?
Falls die Verfasserin vorbeischaut, und es sich um die ehemalige Erziehungsanstalt Steyr-Gleink handelt, bitte mail an
janisjoplin@chello.at
Liebe Grüße, Franz
na hallo / 06.05.2006 23:56
Re: Vergangenheit?
warum teilen sie uns ihre erlebnisse nicht mit? muss halt noch ein buch geschrieben werden. und noch eines und noch eines.
Die_Zweiflerin / 07.05.2006 20:48
Re: Re: Vergangenheit?
Mein lieber "Na Hallo". Wozu? Geilheit an der Wahrheit? *smile* Empörst du dich mehr darüber, wenn ich dir erzähle dass Mädchen noch immer nichts zählen in der Kirche. Dass sie noch immer wertlos sind, und man(n) machen kann, was man (n) möchte (mit Sanctus der Kirchenleitung). By the way: Bücher liest man und stellt man dann wieder zurück.
Außerdem möchte ich den Voyourismus der geschätzten Leserschaft hier nicht überstrapazieren
Aber war sicher ein lieber Vorschlag von dir
anonyma les@ / 20.01.2008 14:17
Re: Re: Re: Vergangenheit?
Absolut KEINE "Geilheit" am Leid von Kindern und Jugendlichen. Im Gegensatz zu Deutschland ist das Thema Fürsorgeerziehung der Jahre 1945 bis 1970 nicht einmal "angearbeitet". Als ehemaliger Zögling österreichischer Anstalten (1963-1970) kann ich beim Studium der Nazi-Erziehungsanstalten froh sein, nicht zehn bis fünfzehn Jahre früher geboren zu sein.
Scape / 02.07.2006 17:04
Re: Re: Re: Vergangenheit?
Ich habe selbst vor wenigen Jahren in einer sozialpädagogischen Einrichtung in Wien gearbeitet. Dort waren die Zustände im Vergleich zu dem, was im Buch erzählt wird, zwar human, aber in meinen Augen immer noch demütigend, entmündigend und stigmatisierend.

Die damaligen Erlebnisse erzeugen in mir das Bedürfnis, was dagegen zu machen. Die dortigen Strukturen sind zu starr, als dass ich alleine was dagegen tun könnte.
Jedoch kann ich zB mit Publikationen, die von jenem Personenkreis, der in derartigen Einrichtungen tätig ist, gelesen werden, zumindest zur Thematisierung beitragen. Und ohne dieser wird es wohl keine Entwicklung zu etwas Besseren geben.

Insofern haben meiner Ansicht nach Bücher oder Artikel sehr wohl ihre Wirkung. Aber ich bin mir natürlich auch im Klaren, dass es für mich eine andere Situation ist, als für Betroffene und dass ich bei allem Interesse für das Thema es den Betroffenen überlassen muss, ob sie mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit wollen oder nicht.
live aus belgrad zu sankt eier / 30.04.2006 03:01
immer wieder
freue ich mich, ihre werten kommentare, wo auch immer, von wo auch immer, zu lesen und studieren. was wäre die raketa ohne mayr!!!!!!
na hallo / 05.05.2006 12:40
schließe mich an
mittagsstund / 20.04.2006 11:35
hawediere.
ich habe über diese heim-sache auch gelese vor 20 jahren. die lebens-und arbeitsbedingungen erinnern mich allerdings eher an das buch, dass ich gerade lese: "die hölle auf erden" - über chinesischen arbeitsverhältnisse.
henriette mayr / 20.04.2006 21:49
Re: hawediere.
alles im namen gottes und der christlichen nächstenliebe.
anonyma les@ / 18.04.2006 17:04
sehr interessant
die geschichte beginnt allerdings nicht erst in den nachkriegsjahren. ähnlich ging es auch zu in den waisenhäusern. ich kenne einen fall von einem vor längerer zeit verstorbenen, der um die jahrhundertwende, als jugendlicher, aus einem katholischen waisenhaus ausriss. gut sei es nur jenen ergangen, die sich schon früh entschlossen hätten, geistlicher zu werden. die bekamen dann gut zu essen, musikunterricht usw., wogegen die anderen so entsetzlich arm, unternährt und ausgebeutet wurden, dass sie zeit ihres lebens traumatisiert waren. natürlich durften sie auch keinen beruf erlernen, weil lediglich in angehende geistliche investiert wurde.
henriette mayr / 18.04.2006 19:09
Re: sehr interessant
ja, da werden sie wohl recht haben, dass die geschichte früher beginnt. ich kann mir aus meinen klosterschulerfahrungen diese unterschiedliche behandlung gut vorstellen.

interessant wäre allerdings, der frage nachzugehen, wie der kirchliche einfluss auf waisenhäuser und jugendfürsorge in österreich ab 1918, dann im austrofaschismus und dann wieder nach 1945 ausgeschaut hat. da ich darüber nichts konkretes weiß, habe ich die frage nach österreichischen parallelen ausgespart und auf postings gehofft.

ich nehme an, dass die jugendfürsorge in österreich nach 45 weitgehend staatlich war. ich kannte eine frau, die in einem heim für "schwererziehbare" war und von brutalitäten erzäht hat. das ist die eine sache.

eine zweite sache ist die "ethik der arbeit" in der form des grundsatzes "wer nicht arbeitet, soll nicht essen", der sich noch immer in allen möglichen politikbereichen findet, von der arbeitslosenversicherung angefangen. im ö strafvollzug gab es als letzte stufe die einweisung ins arbeitshaus bis zur strafrechtsreform 1975, muss man sich mal vorstellen (eine zumindest zeitliche parallele zum thema des artikels).

eine dritte sache ist die körperliche gewalt, die erziehende an ö katholischen schulen ausübten. mein bruder war anfang der sechziger jahre in der piaristenvolksschule, der lehrer schlug mit einem stab. auch eine freundin weiß aus den sechziger jahren von kopfnüssen verteilenden ö nonnen zu berichten.
anonyma les@ / 18.04.2006 22:44
Re: Re: sehr interessant
interessant auch dieser
link
henriette mayr / 20.04.2006 21:39
vielen dank für diesen link!
anonyma les@ / 22.04.2006 23:47
dieses system
ist, wenn auch abgewandelt, gegenwärtig. irgendwer wird ja immer "abgeschoben" und ausgebeutet. im moment haben wir die situation, dass die "abzuschiebenden" nicht einmal mehr als günstige arbeitskräfte interessant sind. im grunde ist es ganz einfach. unter verschiedensten deckmänteln werden unliebsame weggeschafft oder ausgebeutet. dazu braucht es nur eine ideologie.
Don Doroteo / 18.04.2006 22:26
Re: Re: sehr interessant
und ich kenne ein paar biografien aus einem katholischen "Mädchenheim" in Schwaz in Tirol, das heute noch besteht. die direktorin hieß damals Peitscherer oder Peitschinger oder so ähnlich, jedenfalls machte sie ihrem namen alle ehre.
nach einem ausriss setzte es strafen wie dunkelhaft, nackt, bei wasser und brot, wochenlang, außerdem wurde ausreißerinnen eine glatze geschoren. es gab "strafappelle", "anstaltskleidung" und eingangsrituale, die an KZs erinnern. kann mich noch gut an eine kampagne erinnern, die wir damals gegen dieses hochlöbliche institut führten.
weiß noch, dass die klerikalfaschos den prozess wegen unserer "verleumdungen" verloren haben und dass ein paar an der kampagne beteiligte sozialarbeiterInnen schwerste berufliche nachteile in kauf nehmen mussten.
die geschichte kam irgendwann damals (anfang der 70er jahre) im profil, geändert hat sich vermutlich nicht viel. in Tirol werden sie bekanntlich stur, wenn kritik aufkeimt.
henriette mayr / 20.04.2006 21:45
auch ihnen, don doroteo, vielen dank für den hinweis auf schwaz.
ja, dem müsste man eben nachgehen, unter welchen rahmenbedingungen das ein "katholisches" heim sein kann. in dem langen zeit-artikel ist das kahlscheren von mädchen als strafe für fluchtversuche ausdrücklich erwähnt; die - zu weihnachten 2005 verstorbene gisela nurthen gab zu protokoll:

//»Ich verlor meinen Namen, wurde wie die anderen nummeriert. Wir durften nur schön ordentlich, nach den Nummern sortiert, in Zweierreihen durchs Haus marschieren – zur Arbeit, zur Kirche, zur Toilette, zum Essen.« An jeder Tür musste die Mädchenkolonne schweigend warten, bis die Nonnen auf- und zugeschlossen hatten. An die Wand lehnen war streng verboten. Wer beim gemeinsamen Toilettengang zu lange brauchte, bei dem hämmerten die Nonnen lautstark gegen die Türen. »Alles musste im Blitztempo geschehen.« Nur der Gottesdienst in der Hauskapelle nicht. Neulinge nahmen auf der Empore Platz. Unten im Kirchenschiff saß oft eine ganze Reihe von Mädchen mit kurz geschorenen Haaren, die Köpfe gesenkt, in grauer Kleidung – Heiminsassinnen, die versucht hatten auszureißen." //

und das anknüpfen an die kz-wärter-mentalität kommt in dem detailreichen artikel sehr klar heraus.
anonyma les@ / 18.04.2006 22:57
Re: Re: Re: sehr interessant
aber interessant ist ja die entwicklung seit dem mittelalter. zuerst übernahm die kirche das fürsorgewesen für findel- und waisenkinder, entließ sie aber schon mit 7 in die selbständigkeit. danach wurden säuglinge und kleinkinder zuerst von ammen aufgezogen und danach erst in der kirchliche anstalt aufgenommen. zudem kam der züchtigungsgedanke, also wurden zuchthäuser für waisen, arme, prostituierte und andere minderheiten gebaut, wo diese eingewiesen, geprügelt usw. wurden. es gab sogar eine außerkirchliche kinder- und armenpolizei, die streunende aufgriff. es galt ja arm als arbeitsscheu. erst josef II schaffte richtige sozialeinrichtungen. in der 1. republik waren massenasylquartiere, wo dahinvegetiert wurde, dann das rote wien mit sozialleistungen und selbsthilfeprogrammen, dann übernahmen die austrofaschisten mit ihren kerzlschluckern und bald das deutsche rote kreuz und die gestapo.
Ehemaliges Heimkind / 05.05.2006 11:46
Damalig in Westdeutschland begangenes UNRECHT aufarbeiten !!!
Damalig in Westdeutschland (sowohl wie auch in Österreich!) begangenes UNRECHT aufarbeiten !!!

Ein sehr wichtiger und umfangreicher Artikel verfasst (am 12.04.2006) von Herrn Michael-Peter Schiltsky (in seiner Kapazität als Vereinsberater, im schon am 14. Oktober 2004 in Deutschland gegründeten "Verein ehemaliger Heimkinder e. V.") zum Thema "Kindheit und Jugend ohne Menschenrechte - Gedanken zu einem unrühmlichen Kapitel deutscher Nachkriegs-Geschichte", der als ein Artikel von sehr hoher gesellschaftlicher Bedeutung angesehen werden muss, ist, momentan, einzig und allein, hier auffindbar @ http://www.vehev.org/Thema.html . Hoch zu empfehlen !

Weiteres zum Thema auch @ http://www.schlaege.com , http://www.heimkinder-ueberlebende.org , @ http://www.emak.org und http://www.andreas-kuhnert.de/article.php?nr=750 (Webseite von SPD Landtagsmitglied Brandenburg und Theologe Andreas Kuhnert).
Ehemanliges Heimkind / 23.08.2006 08:01
Heimerziehung, Germany: Fürsorgeerziehung (FE), Zwangsarbeit, Traumatisierung.
Kirche, Jugendamt, BRD, Vormundschaft, Jugendwohlfahrtsgesetz, Freiwillige Erziehungshilfe (FEH), Fürsorgeerziehung (FE), Zwangsarbeit, Traumatisierung, Alptraum, Misshandelte Zukunft.

"Der Alptraum meiner Kindheit und Jugend – Zwangseinweisung in deutsche Erziehungsheime", PAGE, Regina – IBSN 3-86703-061-8 – Engelsdorfer VERLAG, Leipzig (Erscheinungsdatum 15.08.2006).

Klappentext:
Regina ist ein Flüchtlingskind. Mit Schwester und Mutter gelangt sie zu Ende des Krieges nach Deutschland. Im Osten Berlins wird die Mutter denunziert und weggesperrt, so dass Regina zum ersten mal ein Waisenhaus kennenlernt. Später gelingt der kleinen Familie die Flucht in den Westen. Nach dem Durchlaufen verschiedener Lager wird Regina frühzeitig schwanger. Die Familie steht unter Beobachtung, ohne sichtliche Gründe, ohne Verhandlung werden Regina und ihre Schwester in das kirchliche Vincenzheim für schwererziehbare Mädchen eingesperrt. Was bleibt, ist ein Alptraum der Traktierung, Zwangsarbeiten und Qualen durch die Nonnen. Und die Frage nach dem WARUM.

Das Buch ist ab sofort im Buchhandel bestellbar und kann aber auch direct hier per email bestellt werden: Regina-Eppert@web.de
Ehemaliges Heimkind / 21.07.2010 10:41
Re: Heimerziehung, Germany: Fürsorgeerziehung (FE), Zwangsarbeit, Traumatisierun
Nachkriegsdeutsche „Heimkinder-Zwangsarbeit“ Firmen:

Seit dem 17. Juli 2010 gibt an vielerlei Stellen im Internet folgenden AUFRUF: »Mithelfen die „Heimkinder-Zwangsarbeit“ Firmenliste zu vervollständigen !« --- unter anderem unter folgender Überschrift »EHEMALIGE HEIMKINDER – „Heimkinder-Zwangsarbeit“ – Wo sind all die Kinder, die in Westdeutschland zwischen 1945 und 1992 Zwangsarbeit leisten mussten?« auch hier im EHEMALIGE HEIMKINDER BLOG Nr. 1 @ http://heimkinderopfer.blogspot.com/2010/07/ehemalige-heimkinder-heimkinder.html .

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