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17.09 2003 Mittwoch,
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Der gute, alte Gasparazzo, so wie er leibt und lebt.
Non è più il ‘68, lo so, ma a maggior ragione
vivere da compagni almeno a noi si impone
o quando arriveremo forse un giorno al potere
io non so se il socialismo lo sapremo vedere.
PINO MASI, 1974
(1)
Garantiert nix für Herrn Bronner: “La violenza”
Es war Ende der 70er Jahre, und in unseren Breiten grassierte die Terror-Hysterie. Buback, Ponto, Schleyer, der nächste war kein Bayer, Todesschüsse, Franz Josef Strauß, Putativ-Notwehr, große, kleine und österreichische Krisenstäbe, Stammheim, hierzulande die Palmers-Entführung. Da war es erste Bürgerpflicht, den „Sympathisantensumpf“ auszutrocknen. Während „Krone“, „Kurier“, „Presse“ & Co die linke Szene durch hechelten, kümmerte sich der Staatsfunk eher um die „geistigen Hintermänner“. Von wegen Hochkultur und öffentlich-rechtlich und so.
Unsterblichen Ruhm in dieser Hinsicht errang der altbewährte kalte Krieger Gerhard Bronner, welcher damals u.a. eine Sendereihe mit dem sinnigen Titel „Schlager für Fortgeschrittene“ moderieren durfte. Und das zur besten Sendezeit auf Ö3. Jawoll, auf Ö3, es ist ja auch in etwa drei Rundfunkreformen her. Blütezeit des Dalmaismus beim ORF. Mithin harte, aber nicht jeglicher Komik, guten Aktion oder Hoffnung entbehrende Zeiten.
Eines - je nach Position - mehr oder weniger schönen Abends mitten im Deutschen Herbst nun nahm sich Bronner der Ältere jene deutsche LiedermacherInnen vor, die es seines nicht übertrieben maßgeblichen Erachtens nach an der nötigen Loyalität zu Vaterland, Repression und Linkenhatz ermangeln ließen. Auf Ö3, zur besten Sendezeit, im Rahmen seiner Reihe „Schlager für Fortgeschrittene“. Aber dieser spezielle Anti-Terror-Sequel von Bronners Radio Free Europe für ganz Arme musste nicht nur – auf massenhaften Hörerwunsch hin – mehrfach wiederholt werden; nein, sowohl Manfred Deix als auch Lukas Resetarits nahmen sich dieser Glanzstunde des gelebten Bronnerismus unter dem Arbeitstitel „Schlager für Fortschrittliche“ an. Noch Jahre später erzitterten Stadtsäle, wenn Resetarits seine ZuhörerInnen mit Reminiszenzen an diese speziellen Bronner-Tiraden zu erquicken geruhte.
„Pseudonym Arbeitersache München“
Mir sind nicht mehr alle Titel erinnerlich, welche damals in dieser notte speciale den Kamm von Ossi Bronners altem Herrn schwellen ließen. An zwei der Liedlein kann ich mich – neben einer extrem peinlichen, nämlich lobenden Erwähnung Konstantin Weckers - allerdings erinnern, denn sie bildeten Abschluss und Höhepunkt der Sendung. (Könnte ja gut sein, dass ich damals, bei der Erstausstrahlung, erst von Ö3 hörenden GenossInnen alarmiert, mithin verspätet, auf Ö3 rüber gezappt habe. Bin ja rein von Sozialisation und Herzensbildung her doch eher der klassische Ö1-Hörer.)
Erst erregte den – um pfäffische Superlative ringenden - Schöpfer des „G’schupften Ferdl“ ein Text, den sein Ex-Kabarett-Partner Georg Kreisler ein paar Jahre zuvor ins – bis zu Bronners Kampagne - mäßig interessierte Rund geschmettert hatte: „Es hat keinen Sinn mehr Lieder zu machen, statt die Verantwortlichen nieder zu machen“. Keine Frage, dank Bronner mutierte ich an diesem denkwürdigen Radio-Abend vom Greenhorn zum Hardcore-Kreisleristen. Mittlerweile habe ich so gut wie alle von Kreislers Platten, alle seine Bücher, alle CDs, viele seiner Texte vermag ich aus dem Stand zu rezitieren, und in Hinblick auf Bewunderung für die brillante Sprachbeherrschung des Meisters lasse ich mich von niemandem überbieten. Und nicht nur mir ist es Kreisler-mäßig so gegangen. An diesem speziellen Abend. Nur wegen dem Bronner. (Daran sieht man übrigens wieder mal, was sich hinter einer schwachen halben Stunde Ö3 an bildungspolitischer Brisanz verbirgt.)
Womit wir beim zweiten Liedlein wären. Das wurde bei Bronner von Kreislers Ex-Ehefrau Topsy Küppers dargeboten und titelte schlicht: „La Violenza“. Bronner der Ältere ließ es sich weder nehmen, mittels wortwörtlicher Übersetzung des Fachbegriffs „Violenza“ aus dem – wer hätte so viel Infamie anzudenken gewagt? – Italienischen zu brillieren, noch vermochte er sein inniges Bedürfnis zu unterdrücken, jenen „anonymen Autor“, welcher sich hinter dem „Pseudonym“ Arbeitersache München verstecke, zur bedingungslosen Aufgabe aufzufordern. Wer vorgebe Bayer zu sein und dennoch so feig agiere wie einer, der als „Arbeitersache“ camoufliert der Topsy Küppers solche Texte eintrichtere, während reihum verdiente Antikommunisten wie Schleyer & Co ins Gras beißen, hätte eh keine Chance. Keine Chance gegen geeichte kalte Krieger wie – zum Beispiel - den alten Bronner.
Mich juckte es damals gewaltig, beim ORF anzurufen und eine Art faktische Richtigstellung zu verlangen. Weil die „Arbeitersache München“ gab es wirklich, die hatten sogar mal unter genau dem Namen im Telefonbuch gestanden. In München, eh kloa. Arbeitersache München, das war eine Art permanente Aktionseinheit zwischen antidogmatischen home-grown Münchner Linken und der örtlichen Auslandssektion von „Lotta Continua“. Keine Studentengruppe. Eher proletarisch zusammengesetzt. Weil damals bei BMW in München sehr viele italienische Emigranten arbeiteten. Das war noch die Zeit, bevor die Jugos und Türken kamen. Da hielten sie sich in Deutschland Portugiesen, Spanier, Italiener und Griechen als Gastarbeiter.
Bei BMW waren es damals halt besonders viele Italiener. Deswegen gibt es heute so viele Pizzerien in München. Und diese ItalienerInnen hatten viel mitgekriegt und auch mitgebracht aus den Arbeiterkämpfen in Italien seit 1969. Unter anderem auch ihre Lieder. Und diese, meist auf verfremdeten Gassenhauern beruhenden Liedlein fuhren immer sehr gut ein bei den Festen, aber rein vom Textverständnis her erwies sich die Sache doch eher als un- bis kontraproduktiv. Also mussten deutsche Texte her für die Lieder, die alle kannten. Und ich erinnere mich an ein Wochenende auf einer Südtiroler Burg unweit von Bolzano, wo diese Lieder eingedeutscht wurden. Die Platte (Arbeitersache München: Wir befreien uns selbst, nur echt mit knallrotem Cover!) erschien 1971 bei Trikont (wo um die Zeit herum auch die ersten „TonSteineScherben“-Platten rauskamen) und wird heutzutage zu eher gehobenen Apothekerpreisen verdealt.
Alfredo Bandelli (1945 – 1994)
Das erste Lied, das damals bei dieser denkwürdigen Session mitten im Weinbaugebiet Kalterer See übersetzt wurde, war – erraten! – „La violenza“. Auch wenn die deutsche Version nicht in allen Punkten dem Original folgt: es lässt sich schwerlich leugnen, dass in diesem Lied ein eher entspannter Umgang mit der Gewaltfrage gepflogen wird. Bronner senior zog aus der – verhatschten – deutschen Version gewisse Schlüsse, die nicht gänzlich von der Hand zu weisen sind.
Andererseits muss doch darauf hingewiesen werden, dass die italienische Polizei nicht nur den Carlo Giuliani auf dem Gewissen hat. Die unmittelbare Nachkriegsperiode ist gekennzeichnet von einer wahren Orgie an staatlich initiierten und/oder tolerierten Massakern an Landlosen, ArbeiterInnen und Kleinbauern in Süditalien. Gegen die aufkommende StudentInnenbewegung, mehr noch aber gegen die proletarischen Revolten, die sich im Lauf der 60er Jahre in den norditalienischen Metropolen stetig steigerten, wurde mit äußerster Brutaltät vorgegangen. Hunderte wurden in einer Ex- und Hopp-Justiz Marke Wiener Landesgericht unter absurdesten Konstruktionen verknackt (was übrigens nicht wenig zum Entstehen der „Bewaffneten Partei“ beigetragen hat). Nicht selten wurde ohne erkennbare Veranlassung oder gar Bedrohung scharf auf DemonstrantInnen geschossen. Und genau diese Opfer der „normalen“ Polizeibrutalität gehen im Kontext der Debatten um das – nicht unwesentlich von dieser damaligen Phase der Rebellion und derauf folgenden Repression geprägte – Berlusconi-Italien unter. So wie es untergeht, dass die Tätigkeit von Mafia und Camorra in der Blütezeit der Roten Brigaden zehn (und der von Polizei und Carabinieri drei) mal mehr Todesopfer pro Jahr forderte als der paranoide, spätestens ab 1977/78 abgehoben von der Bewegung, nur mehr der inneren Logik einer Sekte folgende, aber mit Hingabe durchgezogene Irrsinn der „Bewaffneten Partei“. Und da sind (wie heißt das heutzutage? Ach ja:) „Kollateralschäden“ von der Sorte getötete Leibwächter, zufällig des Weges kommende PassantInnen oder „Komplikationen“ bei der postoperativen Behandlung schwerverletzt Überlebender schon mitgezählt.
Aber bleiben wir bei dem Lied „La violenza“. Jenem Lied, mit welchem Topsy Küppers den alten Bronner an den Rand des Irrsinns brachte. Das eben auch eine Antwort auf diese Erfahrung überschäumender Polizeigewalt war. Und das zum Megahit der Szene wurde. Und Symbolkraft erlangte. Weil wenn diese Klänge aus der Lautsprecheranlage der Demoleitung gequetscht wurden, und wenn immer mehr Leute immer frenetischer mitsangen und –klatschten, dann war auch klar, dass jetzt ganz gleich die Post abgehen würde. Es war die offizielle Ouvertüre zum Tanz mit den Phalanxen der Carabinieri und PS.
Unsere MP3-Version von „La violenza“ ist die älteste und am weitesten verbreitete. Es singt Pino Masi, und genau in dieser Version wurde das Lied bekannt. Die Melodie dieser „eigentlichen Hymne der Bewegung“ ist – so wurde mir zugetragen – einer alten Tarantella entliehen. Soll sich als von „Lotta Continua“ vetrtriebene Single sehr ordentlich verkauft haben, auch hitparadenmäßig.
Geschrieben hat „La Violenza“ aber ein anderer, der heute leider vergessen ist: Alfredo Bandelli, einer von der ganz alten Garde des Potere Operaio pisano und nach dessen Auflösung der Lotta Continua. Alfredo war zu der Zeit Fließbandarbeiter und Betriebsrat in der Vespa-Fabrik von Piaggio in Pontedere. Nebenher schrieb er Lieder, zwei davon waren die absoluten Tophits des movimento: „La ballata della FIAT“ und eben das ursprünglich „La caccia alle streghe“ betitelte „La violenza“. Da er kein Instrument beherrschte, von Noten schreiben ganz zu schweigen, musste er seine Schöpfungen den GenossInnen vorsingen, und die mühten sich dann mit den Arrangements ab. 1974 brachte sich Alfredo dann doch noch das Gitarre spielen bei, und er veröffentlichte seine Lieder auf Platte („Fabbrica galera piazza“).
Alfredo starb, 49 Jahre alt, im Jahr 1994.

LA VIOLENZA ( Alfredo Bandelli)
È cominciata di nuovo la caccia alle streghe:
i padroni, il governo, la stampa e la televisione;
in ogni scontento si vede uno ‘sporco cinese’:
"uniamoci tutti a difendere le istituzioni!
Ma oggi ho visto nel corteo
tante facce sorridenti,
le compagne, quindici anni,
gli operai con gli studenti:
"Il potere agli operai!
No alla scuola del padrone!
Sempre uniti vinceremo,
viva la rivoluzione!".
Quando poi le camionette
hanno fatto i caroselli
i compagni hanno impugnato
i bastoni dei cartelli
ed ho visto le autoblindo
rovesciate e poi bruciate,
tanti e tanti baschi neri
con le teste fracassate.
La violenza, la violenza,
la violenza, la rivolta;
chi ha esitato questa volta
lotterà con noi domani!
(Uno, due, dieci, vent’anni di democrazia;
le pietre non sono argomenti, ci dice un borghese;
siamo d’accordo con voi, miei cari signori,
ma gli argomenti non hanno la forza di pietre.)
Ma oggi ho visto nel corteo
tante facce sorridenti,
le compagne, quindici anni,
gli operai con gli studenti:
"Il potere agli operai!
No alla scuola del padrone!
Sempre uniti vinceremo,
viva la rivoluzione!".
Anmerkung zur Qualität der MP3s: Die teilweise recht lausige Tonqualität lässt sich leider nicht vermeiden. Die Platten sind zumeist mehr als 30 Jahre alt und wurden jede hunderte Male abgenudelt. Die ursprüngliche Aufnahmequalität ist auch nicht berauschend: oft wurde einfach eine Cassettenaufnahme auf Vinyl gepresst, soweit wir es mit Studio-Aufnahmen zu tun haben, erfolgten diese in Mono und mit einem auch für damalige Begriffe museal anmutenden „Equipment“. Und unseren – zugegeben eher dilettantischen - Versuchen eines Remastering waren leider auch nur partielle Erfolge beschieden.
a/traverso
Gasparazzo - vom Anfang bis zum Ende ...
Compagno, sembra ieri - Verjährte Lieder
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