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14.10 2003 Dienstag,
12:09
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Der gute, alte Gasparazzo, so wie er leibt und lebt.
Non è più il ‘68, lo so, ma a maggior ragione
vivere da compagni almeno a noi si impone
o quando arriveremo forse un giorno al potere
io non so se il socialismo lo sapremo vedere.
PINO MASI, 1974
(3)
Verhörkünste:
La Ballata dell’ Anarchico Pinelli (Teil 1)
Einer der traurigsten und schönsten und - aus durchaus aktuellen Gründen - ewigsten dieser „canzoni della lotta dura“ ist in die Weltliteratur eingegangen. Kein geringerer als Literaturnobelpreisträger Dario Fo, damals „politicamente molto vicino a ‚Lotta continua’“, verarbeitete die Geschichte vom Fenstersturz des Anarchisten Guiseppe „Pino“ Pinelli zu seinem famosen Theaterstück „Zufälliger Tod eines Anarchisten“. Keine Aufführung – zumindest mal in Italien - ohne dieses Lied. Pino Masi und viele andere Militante von Lotta continua, Sezione milanese, wirkten bei Erarbeitung und Erstaufführung des „Zufälligen Todes“ mit, im Buch wird darauf ausdrücklich Bezug genommen.
Und genau dieses Lied ist (noch) viel weniger verjährt als alle anderen. Wir haben es hier mit einem Evergreen (besser vielleicht: Ever-Red) zu tun, dessen fundamentale Aussage nicht unwesentlich dazu beigetragen hat, dass drei einstmals führende Genossen von Lotta continua, nämlich Adriano Sofri, Ovidio Bompressi und Giorgio Pietrostefani heute im Knast sitzen.
„Die ganze Welt wird Vietnam“ (Pino Masi)
Winter 1969. Der „heiße Herbst“, der über zehn Millionen italienische ArbeiterInnen im „wilden“ Streik gesehen hatte, ist im Ausklingen. Diese Arbeitskämpfe haben sich nicht zuletzt gegen die bürokratischen Apparate des traditionellen Reformismus gerichtet. PCI, PSI und die von ihnen kontrollierten Gewerkschaften sind im Verlauf der Kämpfe weitgehend marginalisiert worden. Neue Kampf- und Organisationsformen brechen sich Bahn, über Nacht entstehen neue, mitgliederstarke linksradikale Organisationen (Lotta continua/LC, Potere operaio/Potop, Avanguardia operaia/AO, Il Manifesto/PdUP, etc.) - und „neue“ Theorien erlangen Massenwirksamkeit. Toni Negri proklamiert den „operaio massa“, den unqualifizierten Proletarier „senza patria e senza mestiere“ (ohne Vaterland und Beruf), das bloße Ausbeutungsobjekt, namenloses, beliebig austauschbares Anhängsel der kapitalistischen Maschinerie, in des Wortes ursprünglichster Bedeutung nichts zu verlieren habend außer seinen Ketten.

Potop-Parole, 1970: „Demokratie ist die Knarre im Genick der Arbeiter“
Aber auch international geht die Post ab. Der französische Mai 68 hat die autoritäre De-Gaulle-Republik in ihren Grundfesten erschüttert. Die US-Intervention in Vietnam steht auf ihrem Höhepunkt, genau so wie die Antikriegsbewegung in den imperialistischen Metropolen, insbesondere in den USA selbst. Auch in den staatssozialistischen Regimes des „sowjetischen“ Einflussbereiches regt sich Widerstand: Kulturrevolution in China, Arbeiter- und Studentenunruhen in Polen, der Prager Frühling. In Lateinamerika entwickeln sich Guerillabewegungen, nicht selten nehmen sogar Pfaffen die Knarre in die Hand. Im benachbarten Griechenland regiert die faschistische Militärjunta, deren Geheimdienst übrigens weder Kosten noch Mühen scheut, um italienische Faschos mit Trainigslagern, Geld und Waffen zu unterstützen. Auch die amerikanischen Geheimdienste mischen jetzt kräftig mit, besteht doch die Gefahr, dass es an der Südflanke der NATO zu nachhaltigen revolutionären Veränderungen kommen könnte. Und allenthalben wird vor dem „italienischen Bazillus“, d.h. der immanenten „Bedrohung“ sich zuspitzender und an Dynamik gewinnender Klassenkämpfe gewarnt.
Beschissen ruhig geht es zu der Zeit eigentlich nur auf der „Insel der Seligen“ zu, wo die Schwarzen unter dem erzreaktionären CV-Bundeskanzler Josef Klaus allein regieren.
Milano, Piazza Fontana, 12. Dezember 1969
Formell angefangen hat die Geschichte vom Mord am Anarchisten Giuseppe „Pino“ Pinelli am 12. Dezember 1969. Da geht vor der Mailänder Filiale der Banca Nazionale dell'Agricoltura auf der Piazza Fontana (einem der im letzten Kapitel geschilderten, zur Piazza Duomo sich konzentrisch verhaltenden Innenstadtplätze) eine sieben Kilo Sprengstoff enthaltende Bombe hoch. Beinahe zeitgleich kracht es drei Mal in Rom, eine dieser Bomben forderte dreizehn Verletzte in der Banca Nazionale di Lavoro, bei zwei weiteren entsteht nur Sachschaden. Eine weitere Bombe auf dem Platz vor der Mailänder Scala explodiert nicht. Die Bombe auf der Piazza Fontana allerdings stellt alles in den Schatten: sechzehn Todesopfer und achtundachtzig Schwerverletzte.
Es waren eindeutig Bomben von der Sorte, wie wir sie in Österreich aus den Zeiten des Südtirolterrorismus kennen. Da konnte es auch passieren, dass – nur zum Beispiel – im Oktober 1961 das Andreas Hofer-Denkmal auf dem Innsbrucker Bergisel in die Luft gejagt wurde; und auf der Parkbank daneben – Zufälle gibt’s! - die Mitgliederkartei der faschistischen Studenten-Union Padovas „vergessen“ wurde. Woran wir wieder mal die geistige Überlegenheit „unserer“ arischen Burschenschafter erkennen können: Wenn die Kommilitonen und Verbindungsbrüder von Böhmdorfer, Achatz, Haider, Haupt, Honsik, Frischenschlager & Co im Auftrag des Neonazis und Olympen Norbert Burger los zogen, um in Italien ZivilistInnen zu meucheln, hatten die nie eine Mitgliederkartei dabei – zumindest nicht die eigene.
Die Mailänder Bullen allerdings begannen sofort, die örtliche Anarcho- und Lotta-continua-Szene aufzumischen. Da waren noch zig Rechnungen aus dem autunno caldo zu begleichen. Bereits wenige Stunden nach dem Attentat waren willkürlich 82 anarchistische bzw. linksradikale Militante in die Fänge der dortigen Stapo geraten (zwei weitere Verhaftete waren Faschos, die sich als Polizeiprovokateure in der linken Szene umgetan hatten). Unter den Festgenommenen: der 41jährige Eisenbahner und Anarchist Guiseppe „Pino“ Pinelli. Sämtliche Internierten wurden brutalst gefoltert und auch noch drei Tage nach den willkürlichen Verhaftungen ohne den Schatten eines Beweises festgehalten.

Giuseppe „Pino“ Pinelli
(21.Oktober 1928 – 15.Dezember 1969)
Federführend bei dieser selbst für italienische Begriffe maßlosen Polizeiaktion war einerseits der Vicequestore (= stellvertretende Polizeipräsident) Marcello Guida, andererseits der Stapo-Kommissar Luigi Calabresi. Guida hatte es bereits 1942 zum Vertrauensmann der Mussolini-Diktatur gebracht, und dieser Linie war er über die Jahre treu geblieben. Stapo-Kapo Calabresi wiederum war ein geradezu allegorisch „böser“ Oberbulle: frömmelnd, brutal, rüchsichtslos, paranoid, korrupt. Seine Kontakte zur Faschoszene sind ebenso aktenkundig wie seine geradezu sadistische Freude am Foltern.
Übrigens: Mehrere italienische Politkrimis und –filme aus dieser Zeit machen explizite Anleihen beim realen Duo Guida/Calabresi und seinen zahllosen Affären. Berühmt, empfehlenswert und beispielhaft für den damals nicht nur in Milano gepflogenen polizeilichen Umgang mit Linken ist „Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger“, von einem anderen Film fällt mir nur der italienische Titel ein: „Sbattete il mostro alla prima pagina!“ (müsste auf Deutsch so was in der Gegend von „Knallt das Monstrum auf die Titelseite!“, auf Fellneristisch in in etwa “Blast’s mir nur ja den Aufmocha mit dem Mega-Monster urdentlich auf, Buarschn!“ betitelt sein). Zumindest die „Ermittlungen“ mit dem „Il Manifesto“-Sympathisanten Giàn Maria Volonté in der Titelrolle werden ab und zu spät abends (sehr spät abends!) im Free-TV wiederholt – Pflichtfilm!
Ein heißer, heißer Abend in Mailand: 15. Dezember 1969
In diesen Tagen war die Mailänder Polizeidirektion in der Via Fatebenefratelli (was in etwa mit „lebt wohl, ihr Brüder“ zu übersetzen ist) die wahre Hölle. Ich kenne einige Leute, die damals Opfer des Terrors der poliziotti waren, und ihre Schilderungen lehren einem heute noch das Gruseln. Bullen und Massenmedien versuchten mit allen – buchstäblich mit allen – Mitteln, das Attentat den Linken in die Schuhe zu schieben.
Die „Ballata di Pinelli“ schildert diese Situation, die am Abend des 15. Dezember eskalierte. Da wurde nämlich Pinellis Körper kurzerhand aus dem Verhörzimmer im vierten Stock der Quästur geschmissen. Er landete übrigens genau vor den Füßen eines Redakteurs des PCI-Zentralorgans „L’Unitá“. Der war sich sicher, weder einen Schrei noch Bewegungen Pinellis wahrgenommen zu haben. Was nicht das einzige Indiz dafür ist, dass Pinelli bereits tot oder zumindest bewusstlos war, als er aus dem Fenster geflogen wurde. Recht illustrativ dazu ist der Umstand, dass die Rettung – laut Journalbuch der Stapo – bereits zwei Minuten vor Pinellis Fenstersturz angerufen worden war. Es kann davon ausgegangen werden, dass Pinelli bereits im Koma oder gar tot war, als er aus dem Fenster gestürzt wurde.
Die fünf im Raum anwesenden Bullen faselten erst was von „Selbstmord“, später davon, dass Pinelli beim Tschicken über die (einen Meter dreißig hohe) Fensterbrüstung gekippt sei. Ihre Aussagen waren in etwa so wolkig und in sich widersprüchlich wie eine durchschnittliche Haupt-Pressekonferenz, trotzdem wurden alle im 1975 abgehaltenen Prozess freigesprochen. Calabresi und Guida (die zum Zeitpunkt des „Fenstersturzes“ nicht im Raum gewesen sein dürften) wurden gar nicht erst angeklagt.
Dafür gingen die Massenverhaftungen von Linken munter weiter. Erst dreißig Jahre und acht Schwurgerichtsprozesse später sollten ein paar Faschisten aus Padova für das Attentat auf der Piazza Fontana verurteilt werden.

„Dieser Abend in Mailand war heiß“: Anthologie mit dem Pinelli-Motiv als Titel, 1993
Die außerparlamentarische Linke machte sofort den Folterknecht Calabresi dafür verantwortlich. Eine jahrelange Auseinandersetzung begann. Vom Lied zum Tode Pinellis gibt es mehrere Versionen. In der von Lotta continua verbreiteten nehmen sich die GenossInnen kein Blatt vor den Mund. „Die Sache ist noch nicht erledigt, wird ganz gewiss so nicht enden“, heißt es da zum Schluss. Und Pino Masi setzt noch eins drauf: „La vendetta piú dura sera“ – die Vergeltung wird umso härter werden. Was damals schon ein ärgeres Ermittlungsverfahren nach sich zog und vor allem der 1972 ins Leben gerufenen (und Masis Platten vertreibenden) Tageszeitung „Lotta continua“ ärgere juristische troubles einbrachte.
Wobei die in diesem Lied geäußerten Rachegedanken – wieder mal – keine leere Drohung waren: am frühen Morgen des 17. Mai 1972 verließ Calabresi seine Behausung in Mailand. Und es machte Peng, es machte Bumm, da fiel der gute Commissario um. Wobei Calabresi nicht der einzige am Pinelli-Mord mittelbar beteiligte Staatsagent war, den die im Lied verkündete „Vendetta“ ereilen sollte. 1976 wurde der mit der Vertuschung der Causa Pinelli befasste U-Richter Occorsio in Rom, 1979 sein Komplize Allessandrini in Milano von den Brigate rosse „liquidiert“. Diese Attentate können durchaus auch als „bewaffneter Populismus“ interpretiert werden; denn sie waren von der Sorte, wo sogar meine damalige Postzustellerin, ihres Zeichens biedere PCI-Funktionärin in einer norditalienischen Hafenstadt, sich vor lauter Lob für die von den Brigatisti ausgeübten „proletarische Justiz“ gar nicht mehr einkriegen konnte.
Andererseits: zwölf Zeugen in der Causa Piazza Fontana/Pinelli wurden unter mysteriösen Umständen gestorben, und ganze Aktenschränke voll mit Protokollen, Obduktionsbefunden (z.B. dem Pinellis), Spurensicherungsunterlagen, Fotos und anderem Material aus Calabresis Beweisfabrik sind unmittelbar nach den Ereignissen 1969 „in Verstoß geraten“. Und bereits in den späten 70er Jahren flog auf, dass die wirklichen, neofaschistischen und aus dem padovanischen Zirkel der Faschoterror-Größe Pino Rauti (heute Abgeordneter der Alleanza Nazionale) stammenden Täter an der Piazza Fontana von der amerikanischen Botschaft finanziell und logistisch aufgepäppelt worden waren.
Dazu und zum direkt mit dem „Caso Pinelli“ verknüpften Fall des Lotta-continua-Gurus Adriano Sofri das nächste Mal.
Ballata per la morte dell'anarchico Pinelli
Autor unbekannt. Nach Erzählungen von damals aktiven GenossInnen spontan entstanden im Rahmen der Demovorbereitung, einige Tage nach der Ermordung von Guiseppe „Pino“ Pinelli. Die Melodie unserer - wieder vom unvergleichlichen Pino Masi dargebotenen - Version lehnt sich an eine uralte Mezzogiorno-Schnulze an.
Quella sera a Milano era caldo
ma che caldo che caldo faceva
brigadiere apri un po' la finestra
una spinta e Pinelli va giù.
Sior questore io ve l'ho già detto
vi ripeto che sono innocente
anarchia non vuol dire bombe
ma uguaglianza nella libertà.
Poche storie confessa Pinelli
c'è il tuo amico Valpreda ha parlato
lui è l'autore di questo attentato
ed il complice certo sei tu.
Impossibile grida Pinelli
un compagno non può averlo fatto
e l'autore di questo delitto
fra i padroni bisogna cercar.
Stai attento indiziato Pinelli
questa stanza è già piena di fumo
se tu insisti apriam la finestra
quattro piani son duri da far.
Quella sera a Milano era caldo
ma che caldo che caldo faceva
brigadiere apri un po' la finestra
una spinta e Pinelli va giù.
C'è una bara e tremila compagni
stringevamo le nostre bandiere
quella sera l'abbiamo giurato
non finisce di certo così.
Calabresi e tu Guida assassini
se un compagno avete ammazzato
per coprire una strage di stato
questa lotta non si fermerà
Quella sera...
SERVICE-TEIL:
Zwei Erklärungen zum Lied:
Valpreda: Pietro Valpreda, Anarchist und Balletttänzer, saß jahrelang als „Täter“ von der Piazza Fontana im Knast – wir werden noch auf ihn zu sprechen kommen. In diesem Punkt ist das Lied übrigens ungenau: Valpreda wurde erst am 16.12., also einen Tag nach Pinellis Ermordung, verhaftet.
Lo Grano: Capitano der Carabinieri, fungierte als Calabresis Mann fürs ganz Grobe
Eine recht brauchbare englische Übersetzung der „Ballata di Pinelli“ lässt sich unter http://flag.blackened.net/revolt/songs/it_pinelli.html finden, eine italienische Kurzbiographie Giuseppe Pinellis unter http://www.centrostudilibertari.it/ (unten “Pinelli” anklicken!), Zeitungsartikel, Prozessakten und Nachbetrachtungen zum „Caso Pinelli“ unter http://www.ecn.org/ponte/doss12/giuseppepinelli.html. Zuletzt 1997 erschien beim Rotbuch-Verlag die x-te Auflage von Dario Fos „Zufälliger Tod eines Anarchisten“ – auch heute noch das Buch zum Lied.
Empfehlenswert auch ein informativer Artikel Markus Kemmerlings zur „Strategie der Spannung“ im Allgemeinen: http://zoom.mediaweb.at/zoom_4596/italien.html. Detailliert dargestellt wird die Vielzahl der Attentate, Provokationen und geheimdienstlichen Fabrikationen im Rahmen der „Strategie der Spannung“ auf http://www.informagiovani.it/terrorismo/piazzafontana/default.htm.
Eine ziemlich vollständige Chronologie der faschistisch-geheimdienstlichen „strategia della tensione“, die „offiziell“ mindestens elf Attentate zählt, welche 150 Tote und 652 Verletzte forderten, bietet http://www.misteriditalia.com – auch wenn einige der AutorInnen sich offenbar mittlerweile ihr Brot bei Berlusconi verdienen müssen.
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Compagno, sembra ieri - Verjährte Lieder
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