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09.06 2004 Mittwoch,
20:31
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Das Schöne am Schreiben ist ja, dass man, hat man erst mal kapiert, dass alles erlaubt ist, wirklich alles machen kann. Und so soll das auch sein.
Das ist vielleicht ein Grund dafür, dass Gedichte heute einfach nicht mehr gelesen werden: wozu sich in ein Regelwerk klemmen, wenn im Prinzip alles erlaubt ist, was gefällt?
Und wenn Gedichte, dann mindestens oder maximal einen Baudelaire, weil der zumindest cool erscheint. Und Celans Todesfuge kennen alle, zumindest das mit der Milch, und den Tod als den Meister aus Deutschland. Bei der Gelegenheit unbedingt einen Zitateschatz für den Haushalt besorgen. Wenn Ihnen jemand mit einem Zitat aus einem Gedicht kommt, einfach nachschlagen, die Zeile(n) nach dem Zitat lesen und Dein Gegenüber widerlegen. Das ist eine Regel.
Aus einem bestimmten Grund werden viele Leute Gedichte immer wieder falsch verstehen - sie lesen aus dem Jetzt heraus. Eine solche Vorgangsweise hat insoferne eine gewisse Berechtigung, als man ja schließlich aus seiner Haut sowieso nicht heraus kann (und das auch gar nicht erst versuchen sollte), aber man übersieht in solchen Fällen allzuoft die den Schreibenden (und dem Text) inhärente Gegenwart. Als ob die Autoren sich nur über unvergängliche Themen wie die Jugend, den ersten Kuss oder das heldenhafte Gebahren des Mannes im Angesicht des Feindes auslassen würden.
Ja, man sollte es tunlichst vermeiden, einen aktuellen Dichter zur Hand zu nehmen, der klassische Themen nach dem Muster "adlergleiche Schwingen, die sich stolz von Thermophylen hoch empor erheben" verquasselt. Auch wieder eine Regel.
Der Punkt ist einfach der, dass Gedichte im Jetzt verankert sind. Und so sollten sie geschrieben und gelesen werden. Und das ist der erste Grund, warum den Gedichten von Michael Höfler ein kleiner, genialer touch anhaftet.

Höfler schreibt nämlich über seine Gegenwart und das nicht ohne Witz; die sogenannten Alltagsbeobachtungen, die kleinen Dinge beschäftigen ihn: ein Film im Kino, der zum Nachdenken herauszufordern scheint; menschliches Essverhalten; Telefonieren in Zeiten des Anrufbeantworters und vieles andere mehr.
Alle diese Beobachtungen und Gedanken, so banal sie auf den ersten Blick auch sein mögen, laden ein, sich zu erinnern:
Badezimmerromantik
Im Bad, im Klo - das starke Licht
dem Blicke seine Bahnen bricht.
Bei Abendrot und Sternenhimmel
schläft Silberfisch auf weißem Schimmel.
In diesem schmalen Gedichtband regiert das Wort, einfache Sätze und Wörter, die dem Lesen sehr viel Freiraum geben; vier Zeilen, die in ihrer Verspieltheit erst die verschiedenen Sinne ergeben (oder, wie es an anderer Stelle heißt: "Worte um der Worte wegen"):
Fortschritt
Dort wo einst die Wüste darbte,
ein Kamel die Hufe schabte,
dort wächst heute eine Rose
oder eine Coladose.
Trotz der (hoffentlich unbeabsichtigten) grammatikalischen Fehler in den englischen Gedichten, eine feine Sammlung an Nichtigkeiten und Schönheiten. Wie sinnvoll schreiben ist, merkt man vielleicht wirklich erst dann, wenn man versucht die allereinfachsten Wörter und Sätze zu finden. (kp)
Michael Höfler, Gedichte so schön wie Poesie (Gipfelbuch-Verlag 2004)
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